Schulprofil der Freien Waldorfschule Gera

Entwicklungsstand und Ziele

Die Freie Waldorfschule Gera wurde 2006 mit zwei Klassen und 21 Schülern gegründet. Zur Zeit führen wir 122 Schüler in sieben Klassen (Klassen 1 bis 6 und Klasse 8).

 

Schule als Lebensraum

Wir bieten eine Ganztagsschule, in der die Unterstufenkinder von 6.30 Uhr bis 17.00 Uhr betreut werden können. Die Mittelstufe hat jeden Tag Unterricht bis 15:00 Uhr. Die Zeiten der Essenseinnahme sind für alle Schüler in allen Altersstufen immer gleich. Um dies zu gewährleisten, essen die Klassenlehrer mit ihren Schülern zusammen. Die Mahlzeiten selbst werden in der schuleigenen Küche nach biologisch-dynamischen Gesichtspunkten zubereitet.

 

Der Tagesrhythmus

Um für die Schüler einen menschengemäßen Lernrhythmus zu schaffen, wurde die Zeitstruktur folgendermaßen gestaltet:

Für die Unterstufe: 8:00 – 10.00 Hauptunterricht

10.00 – 11.00 geführte Pause

11.00 – 12.30 Fachunterrichte (drei Einheiten à 30 min)

Uns war wichtig, dass die Schüler den Hauptunterricht „vergessen“ können, damit sie neugierig und frisch am Fachunterricht teilnehmen wollen. Uns schien der Rhythmus von 60 min bzw. dessen Halbierung geeignet, die leibliche Konstitution der Schüler durch die Zeitgestalt zu stärken. Die Erfahrungen, die bisher gemacht werden konnten, bestätigen dies.

 

Der Wochenrhythmus

Die Schulwoche wird eingeleitet durch einen gemeinsamen Morgenkreis der Klassen 1 bis 5. Dieser wird den Jahreszeiten entsprechend gestaltet und besingt die Geburtstage der Schüler, Lehrer und Mitarbeiter der Schule.

Auch die Schulküche orientiert sich an den Tagen der Woche und ihren besonderen Qualitäten (u. a. die Wahl des Getreides, sowie Fleisch am Donnerstag, dem kleinen Sonntag).

 

Der Jahresrhythmus

Das Kollegium bemüht sich um eine bewusste Gestaltung der Jahresfeste. Es versucht, Rudolf Steiners Anregungen, wie er sie unter anderem in dem Zyklus „Anthroposophie und das menschliche Gemüt“ gegeben hat, in diese Gestaltung mit einzubeziehen. Die Schule begeht die Jahresfeste durch:

Die Gestaltung des Oster- und Pfingstfestes sowie des Hochsommers (Johanni) steht noch aus.

 

Die musikalisch-künstlerisch-handwerkliche Erziehung

Die künstlerisch-handwerkliche Bildung lag uns besonders am Herzen. Schon ab der zweiten Klasse erlernen alle Schüler ein Streichinstrument, zusätzlich zum üblichen Unterricht.

In der vierten Klasse gibt es das Fach Plastizieren und eine weitere handwerkliche Unterrichtseinheit pro Woche.

 

 

Weiteres pädagogisches Konzept

Die Schulaufnahme erfolgt durch ein Aufnahmegremium. Besonders eng arbeitet die Freie Waldorfschule Gera mit dem Freien Waldorfkindergarten Gera zusammen, unter anderem durch die Gestaltung eines gemeinsamen Elternabends mit zukünftigen Erstklasseltern. Dadurch ist es der Eurythmistin sowie einer weiteren Kollegin möglich, die Vorschulkinder wahrzunehmen und zusammen mit den Erzieherinnen entwicklungsfördernde Maßnahmen zu entwerfen.

Für Kinder, die die erste Klasse besuchen wollen, haben wir beginnend nach den Winterferien einen wöchentlichen Vorschulnachmittag in der Schule eingerichtet.

Jeder Erstklasslehrer ist vom Fachunterricht befreit und begleitet seine Klasse täglich von 7:45 Uhr bis 14.00 Uhr (einschließlich Mittagsruhe). Da bis zu den Herbstferien in der ersten Klasse kein Fachunterricht stattfindet, hat der Klassenlehrer die Möglichkeit, die Schüler so zu führen, dass eine tragende Lerngemeinschaft entsteht. In dieser Zeit ist der Klassenlehrer mit seiner Klasse täglich in der Natur. So lebt er mit den Kindern zusammen und bildet den Boden für einen fruchtbaren Fachunterricht.

 

Aufnahme in höhere Klassen

Das erste Kriterium für eine Aufnahme in eine höhere Klasse ist die Integrationsfähigkeit der betreffenden Klassengemeinschaft. Das Aufnahmegremium wird durch den betreffenden Klassenlehrer erweitert. Mit ihm zusammen wird der aufzunehmende Schüler wahrgenommen in seiner körperlichen, motorischen, sozialen und intellektuellen Entwicklung. Wir richten besonderes Augenmerk darauf, inwieweit sich der aufzunehmende Schüler den spezifischen Waldorfinhalten öffnen kann. Durch regelmäßig stattfindende Informationsnachmittage sind die Eltern mit den grundlegenden Prinzipien der Waldorfschule bereits vertraut. (Unterrichtsformen, Schul- und Vereinsstruktur) Der Schüler nimmt danach mindestens eine Woche am Unterricht der jeweiligen Klasse teil. Anschließend entscheiden die unterrichtenden Lehrer zusammen mit dem Aufnahmegremium über die Umschulung. Der Schulvertrag sieht darüber hinaus eine halbjährige Probezeit vor.

 

Hort und Ganztagsangebote

Der Hort bietet feste Angebote in einem Wochenrhythmus. Überdies haben unsere Schüler die Möglichkeit, an verschiedenen sportlichen Arbeitsgemeinschaften teilzunehmen (ab Klasse 3).

 

Individuelle Förderung von Schülern; Lernbegleitung

Dreimal im Schuljahr besucht uns eine erfahrene Schulärztin über zwei Tage. Schüler mit konstitutionellen Schwächen werden ihr vorgestellt. Zusammen mit den Eltern und Kollegen werden geeignete Hilfsangebote aufgezeigt. Mit einbezogen wird eine Sprachgestalterin, die zweimal wöchentlich mit verschiedenen Kindern arbeitet. Unsere Eurythmistin ist auch Heilpädagogin sowie Heileurythmistin und arbeitet mit Kindern einzeln und in kleinen Gruppen.
Da unsere Schule noch keinen Förderlehrer beschäftigt, übernehmen die Klassenlehrer weitere Förderungen einzelner Schüler.


Pädagogische Bewertungen

Da unsere Schule noch keine Oberstufe hat, gibt es noch keine Abschlüsse. Handschriftliche Zeugnisse werden einmal jährlich erstellt. Wir streben an, alle staatlichen Abschlüsse auch an der FWS Gera anzubieten.

 

Umgang mit Lern- und Lehrbüchern

Vor allem in der Mittelstufe kommen Lehrbücher im Fach Mathematik, wie sie auch an den staatlichen Regelschulen verwendet werden, zum Einsatz. Allerdings mehr im Sinne einer Aufgabensammlung als eines didaktischen Curriculums.

Die Gestaltung der Epochenhefte, was Illustrationen und Aufbau (Inhaltsverzeichnis und Ähnliches) anbelangt, hält die Schüler zu einem systematischen Arbeiten an und lässt gleichzeitig Raum für genügend Eigeninitiative.

Im Deutschunterricht kommen umfangreiche Lektüren zum Einsatz. Diese sind weniger pädagogische Aufarbeitungen eines Themas, sondern vielmehr Werke der Weltliteratur.

Im Fremdsprachenunterricht (Englisch, Russisch) werden in der Mittelstufe zusätzlich Lehrwerke benutzt.

 

Suchtprävention

Insbesondere die Epochen in der Mittelstufe, z.B. Ernährungslehre geben die Möglichkeit, diese Problematik anzusprechen ohne direkt symptomatisch zu arbeiten. Überdies sind wir bestrebt, die Mittelstufenepochen sowie die anfänglichen Oberstufenepochen so zu gestalten, dass der idealistische Mensch angesprochen wird.

 

Entwicklung von Sozialkompetenz, Umgang mit disziplinarischen Verfahren

Wir sehen es als unsere Aufgabe an, individuelle und altersgemäße pädagogische Maßnahmen zu entwickeln, die den Schülern die Folgen ihres Tuns bewusst machen. Es muss Ziel sein, dass die Schüler in der Lage sind, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und in Ansätzen zu korrigieren. Die Erfahrung in den musischen Künsten verstärkt das Bewusstsein der eigenen Wirkung in Zusammenhang mit der Gemeinschaft (siehe Schwerpunkt).

 

Prävention von Gewalt, Mobbing, Missbrauch

In Anlehnung an den zweiten Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde Rudolf Steiners entsteht Gewalt durch ein ungeordnetes Willensleben. Vor allem die Mechanisierung des Willensbereiches und die Sinnentleerung des alltäglichen Tuns führen zu eruptiven und häufig in keinem Zusammenhang stehenden Gewaltausbrüchen. Es gilt daher, sinnvolle Tätigkeiten in den Tagesablauf einzugliedern. Gemeint sind neben künstlerischen Betätigungen auch Aufdecken der Tische, Abwasch, „Bedienen“ der Anderen, Reinigungsdienste sowie selbstverständlich eine Verstärkung der handwerklich-praktischen Fächer.

 

Fächerübergreifende Umwelterziehung

Es ist unser Ziel, in allen Fächern einen lebendigen Begriff der Erde zu entwickeln. Dies wird in der Unterstufe im Willen veranlagt und kann in der Oberstufe im Bewusstsein erwachen.

 

Umgang mit Informationstechnologie und Computern

Wir streben an, den Medienunterricht in der Oberstufe (10. Klasse) so zu gestalten, dass die Schüler zunächst prinzipiell wissen, wie die Medien funktionieren. Daraus resultiert ein bewusster, kritischer und zeitgemäßer Umgang mit den Medien.

 

Pädagogische Zielsetzung der Praktika, Projekte, Exkursionen und Klassenfahrten

Die Klassenfahrten der Mittelstufe beinhalten sowohl einen Kulturaspekt als auch einen Naturaspekt. Die Unterrichtsinhalte der Geschichte und Geografie legen nahe, Raum und Zeit zu erleben. So bieten sich Fahrten auf die Museumsinsel in Berlin (5. Klasse, Kulturepochen), nach Quedlinburg (6. Klasse), Eisenach/Wartburg (7. Klasse), Weimar (8./9. Klasse) an.

Für den Naturaspekt bieten sich Fahrten an, die sich aus den Geografieepochen ergeben: Elbwanderungen (5. Klasse), Küste sowie Harz (6. Klasse), Wasserwandern in Mitteldeutschland (7. Klasse).

Wir streben an, die Praktika in der Oberstufe eng an die Schule anzubinden. Es muss Ziel sein, die Schüler nicht ins Leben, sondern das Leben in die Schule zu holen. Dies war Rudolf Steiners Zielsetzung für den praktischen Unterricht in der Oberstufe, deren Verwirklichung er nicht mehr miterleben konnte.

 

Besonderheiten des Schulbaus und des Schulgeländes

Die Freie Waldorfschule Gera hat im Jahr 2006 eine alte Plattenbauschule im Ortsteil Lusan bezogen. 1975 gebaut, war der Bau bis 1990 eine Polytechnische Oberschule, dann Regelschule.

Im März 2009 begann die schrittweise Sanierung der drei Bauteile des Gebäudes bei vollem Unterricht. Vor dem Innenausbau musste die Gebäudehülle aller Bauteile komplett erneuert werden. Die Fassade erhielt ein Wärmedämmverbundsystem. An der Südseite haben alle neuen Fenster außen liegenden Sonnenschutz. Sämtliche Dachkonstruktionen wurden gemäß Wärmeschutznachweis neu gebaut. Die nach Süden geneigten Dächer sind mit Solarmodulen bestückt (auch der Turnhalle). Im Bauteil A wurde das Dachgeschoss aufgestockt, so dass sich die künftige Aula darin befinden wird. Durch einen Aufzug sind alle Gebäudeteile behindertengerecht zu erreichen.
Im Innenausbau wurde darauf geachtet, dass Naturmaterialien die Innenhülle bilden (Boden aus Industrieparkett, Fensterbänke aus Naturstein, Fensterrahmen aus Holz).
Durch die Dachkonstruktion wurde der typische „Block“ zu einem Haus mit Dach. Dennoch fügt sich die Fassade in ihrer zurückhaltenden Sachlichkeit in das Gesamtbild des Stadtteils ein.

Das Hortgebäude, das sich in unmittelbarer Nähe der Schule befindet, wurde ähnlich saniert.

 

 

Schuleigenes Konzept der Personalentwicklung

Gesamtschulische Weiterbildung

Diese findet vor allem in der wöchentlichen pädagogischen Konferenz statt. Darüber hinaus gestalten wir Themenabende und Seminare mit erfahrenen Referenten und anthroposophischen Ärzten.
Im Klassenlehrerbereich nehmen wir auch Studenten der Klassenlehrerseminare auf, die bei uns z.T. ihr Praxisjahr absolvieren.

Mit dem Jugendamt und dessen Einrichtungen der Jugendpflege stehen wir in engem Kontakt.

 

 

Gera, 16.12.2011



Informationen und Anmeldungen

Freie Waldorfschule Gera

Otto-Rothe-Straße 32
07549 Gera

Tel.: (03 65) 712 922-0
Fax: (03 65) 712 922-39

E-mail: freie_waldorfschule_gera@yahoo.de
Internet: www.waldorf-gera.de






STUTTGARTER Erklärung

Waldorfschulen gegen Diskriminierung
Verabschiedet von der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen Stuttgart, am 28. Oktober 2007.


Die Freien Waldorfschulen leisten bei der Wahrnehmung ihrer erzieherischen Aufgabe im Geiste der Menschenrechte einen Beitrag für eine Gesellschaft, die auf dem solidarischen Zusammenleben aller Menschen beruht.

Als Schulen ohne Auslese, Sonderung und Diskriminierung ihrer Schülerinnen und Schüler sehen sie alle Menschen als frei und gleich an Würde und Rechten an, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung.

Die Anthroposophie als Grundlage der Waldorfpädagogik richtet sich gegen jede Form von Rassismus und Nationalismus. Die Freien Waldorfschulen sind sich bewusst, dass vereinzelte Formulierungen im Gesamtwerk Rudolf Steiners nach dem heutigen Verständnis nicht dieser Grundrichtung entsprechen und diskriminierend wirken.

Weder in der Praxis der Schulen noch in der Lehrerausbildung werden rassistische oder diskriminierende Tendenzen geduldet. Die Freien Waldorfschulen verwahren sich ausdrücklich gegen jede rassistische oder nationalistische Vereinnahmung ihrer Pädagogik und von Rudolf Steiners Werk.




Aus diesem Selbstverständnis arbeiten die Freien Waldorfschulen seit ihrer Gründung 1919. Waldorfpädagogische Einrichtungen engagieren sich heute in allen Erdteilen, darunter in sozialen Brennpunkten Europas, Afrikas, Amerikas, Asiens, in Israel und der arabischen Welt.



Bund der Freien Waldorfschulen e.V. (www.waldorfschule.de)